LesArt.Preis der jungen Literatur



LesArt.Preis
der jungen Literatur 2019

Simone Saftig

Der LesArt.Preis für junge Literatur geht 2019 an Simone Saftig. Ihr „Raufaserblues” konnte sich gegen die anderen sehr starken Texte schließlich bei der Jury durchsetzen. Herzlichen Glückwunsch!

Laudatio „Raufaserblues“

Ralf Thenior

Die Jury hatte es dieses Mal nicht leicht. Bei erster Bestandsaufnahme lagen von den acht Jurymitgliedern acht verschiedene Favoriten auf dem Tisch. Das lässt zwar auf eine gleichwertige Qualität der Einsendungen schließen, machte aber die Entscheidung, welchem Text der Preis zuzuerkennen ist, zur Qual der Wahl.
Nach mehreren weiteren Durchgängen zeichnete sich aber doch ein klares Votum ab. Der Gewinnertext ist "Raufaserblues", eine Geschichte, die nicht nur wegen ihrer überraschenden Wendung am Schluss gelobt wurde.
Besonders hervorzuheben ist das geschickte Spiel der Autorin mit der Erwartungshaltung der Leserin, des Lesers. Schon der erste Satz der Geschichte verweist auf etwas, das bisher nicht geschehen ist und auch in dieser Geschichte nicht eintreten wird: ein Liebeserlebnis. Die Tristheit des Titels "Raufaserblues" verstärkt diesen Eindruck noch.
Dann wird eine Strumpfhose angezogen, über Laufmaschen meditiert und die Leserin, der Leser begleitet die Ich-Erzählerin bei den Vorbereitungen zur Teilnahme an einer Party. Schon hier setzt die Autorin Zeichen für ihr Vexierspiel, indem sie auf die Kontextabhängigkeit der Bedeutung von Wörtern und Sachverhalten anhand des Wortes Zehe verweist, das je nach Wortumfeld eine Fußzehe oder eine Knoblauchzehe meinen kann.
Man folgt der Erzählerin auf ihrem Weg zur Party, die – wie erwartet – auch wieder nur ein Schlag ins Wasser zu sein scheint. Ein Mädchen macht die Erzählerin auf die Laufmasche in der Strumpfhose aufmerksam und der Leser beginnt, sich über deren Kommentar zu wundern. Sie unterstellt dem Mädchen Stolz, mit ihr gesprochen zu haben, aber auch Erleichterung darüber, dass das Gespräch durch einen anderen Partygast unterbrochen wird. Aber wieso?
Die Beobachtung des öden Partygeplappers und der Verzehrgewohnheiten der Gäste wird durch eine angenehme Männerstimme nahe am Ohr der Erzählerin unterbrochen. Und im folgenden Gespräch erlebt der Leser, die Leserin eine Überraschung und vielleicht den Anfang einer zarten Liebesgeschichte.
Der harte Bruch in der Wahrnehmung des gegebenen Sachverhalts, der den Leser kurz vor Schluss der Geschichte ereilt, zeigt ihm, wie er selbst tradierte Rollenverhalten verinnerlicht hat.
All dies ist gekonnt in Szene gesetzt, hat Witz und Alltagsanarchie ebenso wie einen scharfen Blick auf die Materialität von Wörtern und Dingen.

Image

Der LesArt.Preis der jungen Literatur ist mit EUR 800,– dotiert, von der Sparkasse Dortmund gestiftet und wurde bei der LesArt.Gala mit Andrea Sawatzki am 16. November 2019 von Vorstandsmitglied der Sparkasse Dortmund Herrn Jörg Busatta im Domicil Dortmund überreicht.



LesArt.Preis
der jungen Literatur 2018

Evi Spies

 

Laudatio „Entsorgung“

ivette vivien kunkel

Schließlich also setzte sich die enorm handliche und auf den ersten blick eher schlichte Kurzgeschichte „Entsorgung“ durch – ein knapp anderthalb Seiten kurzer Text ohne erkennbare Absätze, ohne Dialog oder direkte rede und ohne irgendwelche sprachlichen Manieriertheiten – kurz: keine Schnörkel, kein Blinken oder Glitzern, kein unnötiges Tamtam.

Es ist schon so einiges an handwerklichem Können, jede Menge Übung und eine gute Portion Talent nötig, damit etwas – sei es in der Literatur oder in der Kunst, aber ebenso bei Design und Architektur – so leichtfüßig, schlicht und unaufgeregt daherkommt; und dennoch unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht und sie dann nicht mehr loslässt.

Ich meine damit nicht, dass „Entsorgung“ sich so einfach nebenbei runterlesen ließe oder in einen widerstandsfreien Plauderton verfällt, also keine sprachliche Rumkumpelei. Es ist eher sogar eine Erzählstimme, die uns auf Distanz hält und auf unseren Platz als Leser, als Zuschauer, in dem sinne als Konsument verweist – denn so sehr uns eine Geschichte auch mitreißen mag, wir uns mit den handelnden identifizieren und auf ihren Abenteuern mit ihnen mitfiebern: wir sind und bleiben Beobachter, wir bleiben außerhalb all dessen; wir können nicht eingreifen und haben immer Sicherheitsabstand zu den Geschehnissen. Und auch, wenn es sich oft anders anfühlt: wir können nur zuschauen und weiterlesen.
Genau hier will uns die Erzählstimme in „Entsorgung“ aber auch haben.
Zum Glück sind wir dabei nicht allein, wir müssen uns nicht unwohl fühlen oder irgendwie fürchten, unangemeldet in ein Privatleben hineinzuplatzen. Es werden keine Geheimnisse gelüftet, es gibt keine Leichen im Keller und keine heimlichen Affären. Wir sehen genau das Gleiche, das auch die Nachbarin Majowski aus der 1c sieht, wenn sie aus ihrem Fenster blickt.

Es geht um Konsum – also um den grenzenlosen Konsum von Daten, Informationen, Attraktionen, von Video-Clips und Tutorials, von Fragmenten und Szenen fremder Leben – und es geht um Anti-Konsum, um ein weniger haben und weniger werden, um Vereinfachung: „Simplify yourself, reduce to the max“ und dieses Maximum der Minimalisierung ist erreicht mit dem krümelosen, eigenen Verschwinden.

Befreit von allem Tamtam, ohne Glitzer und Bühne und Publikum und Nachbarn und all die kleinen Ablenkungen, also nur der Text und ich und ein wenig Zeit, erst dann zeigt sich „Entsorgung“ in seiner vollen Größe und entfaltet sein ganzes Gewicht, und Schicht um Schicht macht diese Geschichte mehr Freude; es lohnt sich also, sie in aller Ruhe noch einmal zu lesen und selbst zu entdecken.

 

 

 

Image

Evi Spies freut sich über den LesArt.Preis 2018 und die Preissumme in Höhe von 800 Euro gestiftet von der Sparkasse Dortmund.



LesArt.Preis
der jungen Literatur 2017

Rabea Gruber

Begründung der Jury:
Eine schnörkellose Sprache, die sich dem Leser nicht aufdrängt, die aber auch nichts verschleiert oder schönt; sie tritt sozusagen hinter die Geschichte zurück und genügt sich darin, zu erzählen und zu beschreiben: gerade soviel, dass sich der leser nicht allein gelassen fühlt, und nur so wenig, dass am Ende des Textes eine seltsame Art von Heiterkeit und ein unbestimmt leichtes Gefühl zurückbleibt.
Und dies, obwohl oder gerade weil die Geschichte selbst alles andere als heiter und leicht ist. Auf wirklich kleinstem Raum und mit einfachsten Mitteln werden zahlreiche Widersprüchlichkeiten des modernen Lebens aufgetan, Widersprüche zwischen einer viel zu schnellen und immer funktionierenden Welt und einem zerrüttelten Ich, das haltlos ist, keinen Halt will und doch versucht, ihn sich mit eigenen Mitteln zu organisieren. Halt findet sich manchmal nur in der Haltlosigkeit. In kleinen Begegnungen und Begebenheiten wird dies erzählt und untersucht - dabei jedoch niemals verurteilt.

Um es ganz kurz zu fassen: Herz, Hirn und Handwerk - dies waren die hauptsächlichen Gründe, warum sich die mehrköpfige Jury in diesem Jahr für den Text „Carlo, ich, das Blumenbeet“ von Rabea Gruber entschieden hat.

 

Image

Rabea Gruber nimmt den LesArt.Preis 2017 und einen Scheck in Höhe von 800 Euro aus den Händen von Jörg Busatta, Mitglied des Vorstandes der Sparkasse Dortmund, entgegen.



LesArt.Preis
der jungen Literatur 2016

Robin Krick

Laudatio "Greiner", Gewinnertext des LesArt.Preises 2016

Robin Krick beteiligt sich seit dem Jahr 2010 an dem Wettbewerb um den Preis der jungen Literatur. So ist es der Jury möglich, die stetig gewachsene Qualität seiner Arbeit zu beurteilen und mitzuverfolgen, wie hier einer wirklich leidenschaftlich und mit wachsender Kenntnis von Literatur kontinuierlich an seiner literarischen Entwicklung arbeitet.
Die vorliegende Arbeit "Greiner" erzählt stringent eine Geschichte, entwickelt in sachlichem Rhythmus eine Schilderung, die den Leser mehr und mehr in den Bann zieht. Kein Wort zuviel. Realität, Beziehungen, Handeln, nichts ist verlässlich. Bis zum Schluss.
Eine großartig erzählte Geschichte, die sich knapp gegen andere gut erzählte literarische Arbeiten, die in diesem Jahr eingesandt wurden, durchsetzte.

Image

Robin Krick (m.) nimmt den LesArt.Preis 2016 und einen Scheck in Höhe von 800 Euro aus den Händen von Jörg Busatta (l.), Mitglied des Vorstandes der Sparkasse Dortmund, entgegen. Moderator: Gregor Schnittker



LesArt.Preis
der jungen Literatur 2015

Tobias Kreutzer

Laudatio "Spektralfarben", Gewinnertext des LesArt.Preises 2015
Spektralfarben ist schmutzig. Und stolz darauf.
Da schreibt jemand, wie er spricht, wo der Ton- kein Zufall, aber auch eben nicht kalkuliert ist. Er verfügt über eine eigene, raue Stimme, die sich ihrer Kratzigkeit nicht schämt, wenn man so will.
Stringent und bildverliebt erzählt Spektralfarben weniger die Geschichte denn vielmehr das Gefühl einer behüteten Jugend und der kleinen Ausbrüche, der zaghaften Rebellion. Für den Rapsong zu wenig extrem, für das Elternhaus zu asozial heißt es da, und der rotzige, fast widerwillige Tonfall transportiert das besser als jede Handlung es könnte.
Es gelingt dem Autor, seine eigene Stimme nicht nur zu finden, sondern auch, sie ohne sichtbare Anstrengung zu halten. So wirkt Spektralfarben nie bemüht oder konstruiert, auch in seinen Brüchen nicht.
Kurzum: Spektralfarben klingt authentisch, durchweg, und ist dabei wunderbar gewitzt in seiner Schnodderigkeit. Charmant und klug, ohne sich darum zu bemühen, so sagt es der Text selbst: Wie cool ist das denn bitte?

Image

Florian Kreutzer (l.) nimmt für seinen Bruder Tobias, der sich für ein Auslandssemester in den USA aufhält, den LesArt.Preis 2015 und einen Scheck in Höhe von 800 Euro aus den Händen von Jörg Busatta (r.), Mitglied des Vorstandes der Sparkasse Dortmund, entgegen.



LesArt.Preis
der jungen Literatur 2014

Ann-Kristin Hensen

Laudatio: Ann-Kristin Hensen
„Countdown“ – Gewinnertext des LesArt.Preises für junge Literatur 2014

Was passiert, wenn man einen Philosophiestudenten und einen Schreiner unter ein Dach steckt und dann plötzlich eine ungewöhnliche Berufung dazwischen kommt? In Ann-Kristin Hensen wunderbar skurriler und fesselnder Geschichte, nimmt das dunkle Geheimnis eines Mitbewohners unvorhersehbare Ausmaße an.
In der Kurzgeschichte „Countdown“ lässt die Autorin uns in die kleine WG Welt ihrer beiden absolut sympathischen wenn auch geheimnisvollen Protagonisten eintauchen, denen sie sich mit viel Liebe zum Detail widmet. Vor allem durch die authentisch geschriebenen Dialoge lässt Hensen diese vielschichtige Freundschaft und die tragische Geschichte dahinter in sprachlich besonderer Form lebendig werden. Geschickt gelingt es der Autorin unser Verständnis von Realität in Frage zu stellen ohne dabei in den Genre-Kitsch abzudriften.
Was zunächst wie eine studentische WG-Studie aussieht, entpuppt sich als ein zeitgenössisches Großstadtmärchen. Der Plot zieht den Leser sofort in seinen Bann – lässt ihn das Beste hoffen und das Schlimmste vermuten. Wir könnten jetzt noch viele weitere Details aufzählen – doch machen wir’s kurz: Ann-Kristin Hensen ist eine durchweg runde Geschichte gelungen und am Ende werden sicher auch Sie erst einmal „Einatmen, zählen und ausatmen“.

Image

Ann-Kristin Hensen (r.) nimmt den LesArt.Preis 2014 und einen Scheck in Höhe von 750 Euro aus den Händen von Jörg Busatta (l.), Mitglied des Vorstandes der Sparkasse Dortmund, entgegen.